Alexander R. Titz

Artikel in der Saarbrücker Zeitung vom 10. November 2005

Ein Fluss im Treppengeländer

Alexander Titz macht Bildhauerei zum Hinhören - Kunst an der Grenze zur Physik (von Silvia Buss)

In Saarbrücken arbeiten viele Bildende Künstler. Die Öffentlichkeit bemerkt das meist nur, wenn mal wieder eine Ausstellung ist. Zu selten, finden wir und besuchen die Kunst-Schöpfer in ihren Ateliers. Heute sind wir bei Alexander Titz.

Saarbrücken. Auffällig viele jüngere Arbeiten von Alexander Titz haben irgendwie mit Wasser zu tun. 2002 schuf er eine Klanginstallation für ein ehemaliges Kneipp‑Wasserbecken ‑ dafür wurde er in Marl mit dem Deutschen Klangkunstpreis ausgezeichnet ‑ und eine weitere für einen unterirdischen Wasserspeicher in Stadtlohn. Seine "Mangrove", das bisher größte Projekt, steht seit 2003 im einstigen Faulturrn einer Oberhausener Kläranlage. Das neuestes Werk „neue emscher: hören“ wird voraussichtlich ab 2010 realisiert. Als Teil eines architektonischen Gesamtkonzepts, das kürzlich den ersten Preis bei einem europaweit ausgeschriebenen Wettbewerb zur Gestaltung eines Pumpwerks in Gelsenkirchen erhielt.

Wenn man mit dem gebürtigen Düsseldorfer über seine Klanginstallationen spricht, gerät man schnell in physikalische Bereiche, in Elektronik und technische Bauanleitungen. „Es ist die Schnittstelle von Natur und Technik, die mich dabei immer interessiert," sagt der 37jährige und meint dabei sowohl die Arbeiten selbst als auch die Orte, für die er sie entwickelte. Für das Pumpwerk in Gelsenkirchen will Titz das Höhenprofil des 60 Kilometer langen Flusses Emscher auf ein 20 Meter langes Edelstahlrohr übertragen, das die Treppenaufgänge im Gebäude wie ein Handlauf begleitet. An sechs so genannten Klangpunkten in diesem Rohr werden später Geräusche in Echtzeit, digital verschlüsselt aus dem Rohrsystem der realen Emscher übertragen, welches ansonsten für den Menschen unsichtbar und unzugänglich ist. Die Installation soll zum Symbol für den Zweck der gesamten Anlage werden: das Wasser der Emscher auf ein höheres Niveau zu hieven.

Die Bezeichnung "Klangkünstler" findet Titz für sich jedoch zu einengend, denn damit blieben die skulpturalen Aspekte seiner Schöpfungen unbeachtet: „Ich fühle mich eigentlich mehr als Bildhauer, der auch mit akustischen Phänomenen arbeitet“. Der Meisterschüler von Christina Kubisch hat an der Hochschule der Bildenden Künste Saar schließlich auch bei Wolfgang Nestler Bildhauerei studiert und Performance bei Ulrike Rosenbach. Auch dem Tanz, der darstellenden Gymnastik, gehört seine Leidenschaft.

Parallel zur Freien Kunst hat er in Saarbrücken ein Lehramtsstudium in Kunst und Sport absolviert. Kein Wunder also, dass es in seinen Installationen nicht nur um feinste physikalische Schwingungen geht. Fast immer sind sie auch körperbezogen, oft interaktiv, motivieren die "Betrachter", sich in Bewegung zu setzen, um verschiedene Wahrnehmungsmöglichkeiten spielerisch zu erkunden. Seit 1993 war Titz jedes Jahr mit Einzel‑ und Gruppenausstellungen oder Aktionen präsent. Nach fünf Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter von Till Neu am Institut für Kunstpädagogik in Frankfurt, ist er 2005 im Saarland in den Schuldienst eingestiegen. Keine Notlösung, die Option zu unterrichten hatte er nie aus dem Auge verloren. Aber doch auch ein sicheres Standbein. Auf dem er gern steht.

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