ortsbezogene Installation für das Anatomischen Institut der Universität des Saarlandes in Homburg,
Kooperation mit Maja Sokolova

Einem Toten gegenüberzutreten erfordert Kraft und Überwindung, da uns die unmittelbare Anschauung der verdrängten Seite des Lebens zu uns selbst zurückführt. Unwillkürlich entfaltet sich eine folienhafte Erinnerungswelt, die das Gegenüber zwischen Präsenz und Abwesenheit oszillieren lässt.

Von hier aus nehmen die Überlegungen von Maja Sokolova und Alexander R. Titz ihren Anfang: Auf welchem Fundament ruht unsere Vorstellung von Anwesenheit? Ist diese zwangsläufig mit Individualität verknüpft? Die Installation “Das Ich von gestern” verdeutlicht die Tragweite dieser Fragen auf mehreren Inhaltsebenen, deren gegenseitige Durchdringung erst nach und nach im anschaulichen Verständnis des Betrachters zu einer Einheit zusammenfließen. Projektion, Bewegung und Klang markieren dabei die zentralen Gestaltungselemente dieser Arbeit, die sich in zwei versetzt hängende Vitrineneinheiten gliedert. Die aneinander grenzenden Glasflächen der beiden Einheiten sind gleichzeitig die Projektionsflächen, auf denen auf annähernd lebensgroßen Videobildern zwei menschliche Körper zu sehen sind. Nicht klar benennbar, tauchen sie mit zerfaserter Binnenstruktur aus einem blauen Kontinuum auf. Es bleiben Zweifel, ob wir es mit einer organischen Vorlage, einem Abbild oder einer Animation zu tun haben, was den Eindruck eines entindividualisierten Körpers suggeriert. Mittels sukzessiven Vertauschens der beiden Projektionen gerät die Installation in Bewegung und vermittelt begleitend das Moment der Kommunikation. Angesichts der zahlreichen Spiegelungen, Projektionen oder gar Phantombilder, die sich aufgrund der zahlreichen Glasflächen offenbaren, bekommt der Aspekt der Begegnung sowie der gleichzeitigen Anwesenheit eine besondere Qualität.

Parallel zur dominierenden Wirkkraft der Projektionen sind links und rechts der beiden Projektionen, wie Nervenbahnen, insgesamt 64 Lautsprecher paarweise mit der Schallöffnung am Glas befestigt, die eine zurückhaltende Klangkulisse schaffen. Aus den inneren Lautsprechern tönen zeitweise verzerrte, kaum hörbare Sprachfragmente, die in Verbindung mit der Projektion stehen und aus den äußeren Lautsprechern sind Klänge aus dem aufgezeichneten Spannungsverlauf eines normalen EEG sowie dem eines Hirntoten zu hören. Was wie ein Widerspruch klingt, meint aber die tatsächlich noch existenten Geräusche des pulsierenden Blutes, sozusagen die “Mechanik” des Körpers. Dennoch ist es notwendig, um die Lebensaktivität für den Menschen noch “hörbar” zu machen, die Niederfrequenzen künstlich zu erhöhen. Damit ist erneut die Frage nach An‑ bzw. Abwesenheit aufgeworfen. Genau genommen ist die Grenzlinie zwischen Leben und Tod angesprochen: Wo endet unser Leben? Wo beginnt der Tod? Gibt es überhaupt adäquate Kriterien, die Ambivalenz von Physis und Psyche aufzulösen?

Sokolova und Titz haben eine Bildsprache gefunden, in der Bild und Klang zwar eng miteinander verknüpft sind, aber jedes Gestaltungsmittel seine eigene Wertigkeit hat, das eine ohne das andere nicht funktioneren kann. So wie die sich versetzt gegenüber stehenden Projektionen.

Klaus Holländer